Wirtschaftsausblick Winter 2016/17

Necip C. Bagoglu, 16.12.2016

Deutliche Konjunkturabschwächung erwartet

Istanbul (GTAI) - Politische Risiken im In- und Ausland belasten die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung der Türkei. Für das Jahr 2017 rechnet die Europäische Kommission mit einem Rückgang der Bruttoanlageinvestitionen und einem schwächeren Privatverbrauch. Dagegen soll der Außenhandel wieder zunehmen. Die starke Abwertung der Landeswährung infolge von Kapitalabwanderungen lässt in den kommenden Monaten eine höhere Inflation und eine sinkende Kaufkraft erwarten.


Wirtschaftsentwicklung: Zunehmende Verunsicherung wegen politischer Risiken

Die Stimmung bei Investoren und Konsumenten in der Türkei verschlechtert sich aufgrund steigender innen- und geopolitischer Unwägbarkeiten. Seit dem erfolglosen Putschversuch vom 15.7.16 hat die Polarisierung in der Gesellschaft weiter zugenommen, nicht zuletzt weil die Türkei immer mehr von der Rechtsstaatlichkeit abrückt. Das Verhältnis zur Europäischen Union ist extrem angespannt, die Lage in den südlichen Nachbarländern desolat. Nicht viel besser sieht es im Südosten der Türkei aus, wo die Sicherheitskräfte hart gegen kurdische Separatisten durchgreifen. Die Terroranschläge der vergangenen Monate haben zudem das Sicherheitsrisiko im gesamten Land erhöht. Hinzu kommen die Diskussionen über eine Verfassungsänderung hin zu einem Präsidialsystem, die Investoren im In- und Ausland sowie Konsumenten zusätzlich verunsichern.

Angesichts dieser Entwicklungen scheint es wenig realistisch, dass die Wirtschaft im Jahr 2016 und 2017 um 3,2 beziehungsweise 4,4% wachsen wird, so wie türkische Regierung es voraussagt. Die Europäische Kommission geht inzwischen für 2016 von einer Zunahme von 2,7% und für 2017 von 3,0% aus. Vor allem die starke Abwertung der Türkischen Lira (TL) dürfte sich negativ auf die Konjunktur auswirken. Eine schwache Landeswährung verteuert die Importe und führt zu Kaufkraftverlusten bei den inländischen Konsumenten. Gleichzeitig erhöht sie die Verbindlichkeiten der einheimischen Firmen, die Kredite in Fremdwährung aufgenommen haben. Der Wertverfall der Türkischen Lira hat sich in den letzten Monaten wegen des Vertrauensverlustes im Inland und der aktuellen Entwicklungen in den USA beschleunigt. Ende November 2016 hat die türkische Notenbank erstmals seit 2014 den Leitzins deutlich angehoben. Diese geldpolitische Maßnahme dürfte kurzfristig ebenfalls negative Auswirkungen auf die Konjunktur haben.

Erste Warnsignale für ein abkühlendes Wirtschaftsklima kamen im 3. Quartal 2016. Die saison- und kalenderbereinigte Industrieproduktion ging laut Statistikamt TÜIK im 3. Quartal 2016 gegenüber dem 2. Quartal um 3,1% und gegenüber dem 3. Quartal 2015 um 1,9% zurück. Die Arbeitslosenquote erreichte Ende August 2016 mit 11,3% den höchsten Stand seit Anfang 2015, die Zahl der Arbeitslosen stieg in den letzten zwölf Monaten um 435.000 auf 3,5 Mio.

Wirtschaftliche Eckdaten der Türkei

Indikator

2015

2016

Vergleichsdaten Deutschland 2015

BIP (nominal, Mrd. US$)

720

726

3.357,6

BIP pro Kopf (US$)

9.257

9.243

41.147

Bevölkerung (Mio.)

77,7

78,6

81,6

Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 US$ = Türkische Lira)

2,722

2,950

-

Quellen: Türkisches Statistikamt TÜIK, Statistisches Bundesamt, Deutsche Bundesbank

 

 

Investitionen: Deutliche Zurückhaltung bei neuen Projekten

Die ausländischen Direktinvestitionen brachen im 1. Halbjahr 2016 um 46% auf 3,8 Mrd. US$ ein. Die Bruttoanlageinvestitionen gingen im gleichen Zeitraum real um 0,3% zurück. Für das Jahr 2017 erwartet die Regierung dennoch einen Anstieg um 5,1%, eine Prognose, die angesichts der tatsächlichen Entwicklung wenig realistisch erscheint. Dagegen rechnet die Europäische Kommission für 2017 mit einem Rückgang um 1,4% und für 2018 mit einem Nullwachstum der Investitionen. Die Regierung versucht die negative Entwicklung durch finanzpolitische und gesetzliche Maßnahmen umzukehren. Dazu zählen neue Gesetze zur Ausweitung der Investitionsförderungen für strategisch wichtige Projekte und zur Gründung eines staatlichen Vermögensfonds zur Stützung von Infrastrukturinvestitionen.

Ministerpräsident Binali Yildirim kündigte im September 2016 für 23 Provinzen in Ost- und Südostanatolien ein 62 Mrd. TL schweres Investitionsprogramm für die Jahre 2017 bis 2020 an. Das Verkehrsministerium plant allein Ausgaben von über 19 Mrd. TL. Die staatlichen Projekte sollen auch private Investitionen von 78 Mrd. TL nach sich ziehen, so dass sich für die kommenden vier Jahre ein Investitionsvolumen von rund 140 Mrd. TL ergeben soll. Zahlreiche Ortschaften in den Provinzen Ost- und Südostanatoliens wurden durch die Auseinandersetzungen zwischen der türkischen Armee und kurdischen Separatisten teilweise stark zerstört.

Ausgewählte Großprojekte in der Türkei

Projektbezeichnung

Investitionssumme (Mio. Euro) *)

Projektstand

Anmerkung/Ansprechpartner

Kernkraftwerk Akkuyu (4.800 MW) an der Mittelmeerküste, Mersin

20,0

Infrastrukturarbeiten am Hafen begonnen, Fertigstellung bis 2022 vorgesehen, jedoch politische Unsicherheiten

Projektdurchführung durch die russische Rosatom; Ansprechpartner: Unternehmen Akkuyu Nükleer (http://www.akkuyu.com)

Kernkraftwerk Sinop (4.480 MW) an der Schwarzmeerküste

20,0

Vereinbarung im Jahr 2013 mit japanisch-französischem Konsortium Mitsubishi, Areva und GDF Suez getroffen, Bau hat noch nicht begonnen

Projektträger: Electric Generation Company (EÜAS); Ansprechpartner: Energieministerium (http://www.enerji.gov.tr)

Kanal Istanbul

13,5

In Planung, genauer Streckenverlauf noch nicht festgelegt

Bau eines 44 km langen und 25 m tiefen Kanals mit elf Brücken parallel zum Bosporus westlich von Istanbul; Ansprechpartner: Verkehrsministerium (http://www.udhb.gov.tr)

Dritter internationaler Flughafen Istanbul (IGA)

10,3

Im Bau; Fertigstellung des ersten Abschnitts für 2018 geplant, Mitte 2016 waren 30% der Arbeiten abgeschlossen

Bau durch türkisches Konsortium Limak, Kalyon, Mapa, Cengiz und Kolin nach Betreibermodell (BOT); Ansprechpartner: IGA (http://www.igairport.com)

Trans-Anatolian Natural Gas Pipeline Project (TANAP)

8,7

Im Bau, Fertigstellung bis Mitte 2018 geplant

Pipeline für die Durchfuhr von Erdgas aus Aserbaidschan über die Türkei nach Europa mit einer Jahreskapazität von 16 Mrd. cbm durch die Ölgesellschaften TPAO (Türkei) und SOCAR (Aserbaidschan); Ansprechpartner: TANAP (http://www.tanap.com)

377 km lange Autobahn Istanbul-Izmir, einschließlich Hängebrücke bei Izmit

8,1

Laufende Bauarbeiten; Fertigstellung bis 2019 geplant, Hängebrücke bei Izmit 2016 fertiggestellt

Bau durch das Konsortium Nurol, Özaltin, Makyol, Astaldi, Yüksel, Göcay sowie IHI und Itochu (Japan); Ansprechpartner: Verkehrsministerium (http://www.udhb.gov.tr)

Petkim Star-Erdölraffinerie (Socar Turkey Aegean Refinery)

4,0

Im Bau, Fertigstellung bis 2018

Ölraffinerie im Rahmen des Petrochemiekomplexes Aliaga/Izmir; Ansprechpartner: Socar Turkey (http://www.socar.com.tr)

Dreistöckiger Tunnel unter dem Bosporus in Istanbul

3,2

Ausschreibung für Ingenieurarbeiten am 30.11.16; Betreibermodell (BOT) angestrebt, Bauzeit von circa fünf Jahren erwartet

Tunnel mit zwei Etagen für Kfz und einer Etage für die Stadtbahn; Ansprechpartner: Verkehrsministerium (http://www.udhb.gov.tr)

Hängebrücke über Dardanellen

3,0

Ausschreibung für 2017 geplant

Projekt beinhaltet auch den Bau von Autobahnen, Ansprechpartner: Verkehrsministerium (http://www.udhb.gov.tr)

Istanbul International Financial Center (IIFC), Istanbul/Atasehir

2,2

Laufende Infrastrukturarbeiten, Gebäudebau im Oktober 2016 begonnen, Fertigstellung bis 2018

Errichtung des neuen internationalen Finanzzentrums im asiatischen Teil Istanbuls; Ansprechpartner: IIFC (http://www.ifcturkey.com)

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter  http://www.gtai.de/tuerkei, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

 

Konsum: Wachstum wird vom privaten Verbrauch getragen

Das türkische Wirtschaftswachstum stützt sich zurzeit ausschließlich auf den Verbrauch. Laut Statistikamt TÜIK erhöhte sich der private Konsum im 1. Halbjahr 2016 gegenüber dem Vorjahreszeitraum real um 6,1%. Der Staatsverbrauch legte sogar um 13,5% zu. Die Regierung rechnet für das Gesamtjahr 2016 mit einem realen Zuwachs des Privatverbrauchs um 5,0% und für 2017 mit einer weiteren Zunahme um 4,3%. Die Prognosen der Europäischen Kommission liegen leicht darunter. Sie rechnet für 2016 mit einem Plus von 4,3% und für 2017 mit 3,8%.

Die Regierung und die Zentralbank versuchen durch fiskal- beziehungsweise geldpolitische Maßnahmen die hohe Konsumneigung aufrechtzuerhalten. Der regierungsseitig ausgeübte Druck auf die Banken, ihre Kreditzinsen zu senken und bei Schuldnern großzügig vorzugehen, wächst. Allerdings steigt die Gefahr, dass die starke Abwertung der Landeswährung die inländische Kaufkraft reduzieren und die Konsumnachfrage beeinträchtigen könnte. Die Abwertung der Türkischen Lira wird voraussichtlich über steigende Importpreise dazu führen, dass der von der Regierung für Ende 2017 angesetzte Anstieg der Verbraucherpreise von 6,5% nach oben korrigiert werden muss (Jahresinflation Ende Oktober 2016: 7,2%).

Außenhandel: Exporteinbruch auf regionalen Absatzmärkten

Der türkische Außenhandel ist seit 2015 infolge der Konjunkturschwäche und der Exporteinbrüche auf den nahöstlichen Nachbarmärkten rückläufig. Im Jahr 2016

dürften die Ausfuhren um 0,5% auf 143,1 Mrd. $ nachlassen, schätzt die Regierung im mittelfristigen Wirtschaftsprogramm 2017 bis 2019. Die Wareneinfuhren sollen um 4,4% auf 198,0 Mrd. $ zurückgehen. Allerdings prognostiziert die Regierung für das Jahr 2017 sowohl bei den Exporten als auch bei den Importen wieder Zuwächse: Die Ausfuhren sollen um 7,1% auf 153,3 Mrd. $ und die Einfuhren um 8,1% auf 214,0 Mrd. $ steigen.

Die Prognosen der Europäischen Kommission, die den Handel mit Waren und Dienstleistungen berücksichtigen, gehen für 2016 von einem Exportrückgang von 1,5% und für 2017 von einem Zuwachs von 3,5% aus. Bei den Importen sagt die Kommission für 2016 und 2017 einen Anstieg von 5,0% beziehungsweise 4,0% voraus.

Der schrumpfende Außenhandel brachte 2016 auch positive Effekte mit sich. Der zu einem erheblichen Teil auf die relativ niedrigen Ölpreise zurückzuführende Importrückgang führte zu einer Verbesserung der Handels- und Leistungsbilanz. Dennoch bleibt der Anteil des Leistungsbilanzdefizits am BIP mit geschätzten 4,3% im Jahr 2016 und prognostizierten 4,2% im Jahr 2017 vergleichsweise hoch.

Außenhandel der Türkei (in Mrd. US$; Veränderung in %)

2015

1. Halbjahr 2016

Veränderung 1. Halbjahr 2016/1. Halbjahr 2015

Importe

207,2

99,7

-6,7

Exporte

143,9

71,7

-2,4

Handelsbilanzsaldo

-63,3

-28,0

Quelle: Türkisches Statistikamt TÜIK

(N.B.)