GTAI Wirtschaftsbericht Türkei 2015

Gesamtwirtschaftlicher Ausblick

Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts

Für das Jahr 2015 rechnet die Mehrzahl der Analysten, trotz vielfältiger Unwägbarkeiten, mit einem realen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von mindestens 3,0%. Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht von einem Zuwachs 3,1% und die Europäische Kommission sogar von 3,2% aus. Für 2016 erwarten die Beobachter einen leichten Anstieg auf 3,5 bis 4,0%. Das diesjährige BIP-Wachstum wird sich in hohem Maße auf den Verbrauch stützen. Schwierigkeiten auf den Absatzmärkten in Nahost führen zu rückläufigen Exportzahlen. Darüber hinaus machen sich die technischen Auswirkungen der Euroabwertung gegenüber dem US-Dollar bemerkbar.

Die von der Regierung in Aussicht gestellten umfangreichen Wahlgeschenke an die Arbeitnehmer, Rentner und Betriebe in Form von direkten staatlichen Zuwendungen und finanziellen Vergünstigungen werden in der 2.Jahreshälfte 2015 wirksam. Im April beschloss die Regierung ein Ausgabenprogramm von 7,5 Mrd. Türkische Lira zur Stärkung der Nachfrage. Davon entfielen 4,0 Mrd. TL auf die stärkere Erhöhung der Altersrenten und 3,5 Mrd. TL auf zusätzliche Industrieund Investitionsförderungen. Die laufenden und geplanten Infrastrukturprojekte, vor allem im Transport- und Energiesektor, sorgen für erhebliche Nachfrageimpulse.

Negative Auswirkungen auf das Wachstum und die Konjunktur haben die hohe Inflation (Verbraucherpreise) von 7,9% Ende April 2015 und die Exportschwäche. Die Inflation ist in erster Linie ein Ergebnis der Abwertung der türkischen Währung gegenüber dem US-Dollar und dem Euro in den ersten Monaten des Jahres. Dies führt zu einem Anstieg der Importkosten. Aufgrund der hohen Importabhängigkeit der Industrie und Energiewirtschaft betrifft der Anstieg der Importkosten nahezu alle Wirtschaftszweige. Die Schwäche der türkischen Lira ist zum Teil auf die niedrigen Realzinsen zurückzuführen. In dieser Frage besteht ein Konflikt zwischen der Regierung und Zentralbank. Interventionen des Staatspräsidenten verhinderten vor den Parlamentswahlen eine unabhängige Zinspolitik. An den Märkten und bei den Investoren sorgen die Unklarheiten über die zukünftige Wirtschaftspolitik nach den Wahlen für Unsicherheit.

Investitionen

Die Bruttoanlageinvestitionen schrumpften 2014 um 1,3%. Für 2015 wird ein Anstieg um 2,3% vorausgesagt, der sich 2016 auf 3,5% erhöhen soll. Mit niedrigen Zinsen und direkten staatlichen Förderungen sollen die Investitionen angekurbelt werden. Aufgrund der niedrigen lokalen Sparquote von circa 13% benötigt die Türkei zur Finanzierung ihrer ehrgeizigen Entwicklungsprogramme und der Wirtschaftsziele für 2023 weiterhin Kapitalimporte in der Form von internationalen Direktinvestitionen, Portfolioinvestitionen und Krediten. Die ausländischen Direktinvestitionen sanken nach Angaben des Wirtschaftsministeriums 2014 gegenüber dem Vorjahr um 1,7% auf 12,1 Mrd. $. In den ersten zwei Monaten 2015 gingen sie um weitere 2,4% auf 2,7 Mrd. $ zurück. Trotz dieser schwachen Entwicklung bleibt die Türkei wegen des guten Wachstumspotenzials und der regionalen Verbindungen ein attraktiver Investitionsstandort. Von den in der Türkei Ende Februar 2015 insgesamt registrierten rund 42.000 Unternehmen mit ausländischem Kapital waren 6.076 mit deutscher Beteiligung. Die seit Langem im Land aktiven Unternehmen, wie Daimler und Bosch, wollen sich weiter engagieren. Allein Bosch will 2015 über seine Tochterfirma in der Türkei 200 Mio. Euro investieren.

 

Potenzielle Investoren und Unternehmen, die in die Türkei exportieren wollen, sollten bei ihrer Entscheidung über den Markteintritt das Stärken-Schwächen-Profil des Standorts und die damit verbundenen Chancen und Risiken (SWOT-Analyse) berücksichtigen:

Konsum

Die abgewertete türkische Lira in Verbindung mit dem relativ geringen BIP-Wachstum und dem Bevölkerungszuwachs führten laut Statistikamt TÜIK 2014 auf US-Dollar-Basis zu einer Verminderung des Pro-Kopf-Einkommens auf 10.404 $ (2013: 10.822 $). Im Jahr 2014 hatte der private Konsum einen Anteil von knapp 70% an der Verwendung des BIP. Der Verbrauch stieg um 1,3%. Im laufenden Jahr wird er voraussichtlich um real 2,9% zulegen und 2016 um weitere 3,9% steigen. Für den Staatsverbrauch mit einem Anteil von rund 10% am BIP wird für 2015 und 2016 mit einem realen Wachstum von jeweils 4,8% gerechnet. Die Entwicklung des Außenwertes der türkischen Währung und die Inflation werden die reale Kaufkraft der Konsumenten wesentlich bestimmen. Vor allem die Lebensmittelpreise zeigen eine steigende Tendenz.

In der mittelfristigen Betrachtung steht der Konsum der privaten Haushalte unter guten Vorzeichen. Die relativ junge Bevölkerung mit einem Altersdurchschnitt von 31 Jahren zeigt sich gegenüber neuen Produkten und Technologien besonders aufgeschlossen. Dies gilt vor allem für Verbraucher in den städtischen Konsumzentren mit hoher Kaufkraft. Die Verbreitung des modernen Einzelhandels mit zahlreichen neuen Einkaufszentren und Supermärkten unterstützen diese Entwicklung. Bei herkömmlichen Produkten des täglichen Bedarfs besteht ein erheblicher Nachholbedarf. Dies trifft insbesondere auf die wenig entwickelten Regionen Anatoliens zu, wo der Aufschwung noch nicht angekommen ist.

Außenhandel

Der türkische Außenhandel schrumpfte laut Statistikamt TÜIK im 1. Quartal 2015 gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Exporte sanken um 7,5%, während die Importe um 9,0% fielen. Für den Exportrückgang waren die Liefereinbrüche auf regionalen Absatzmärkten, wie Irak, Libyen und Russland verantwortlich. Da ein erheblicher Teil der türkischen Ausfuhren in die Eurozone gehen, wirkte sich die Euroabwertung gegenüber dem US-Dollar rechnerisch negativ auf die türkische Exportleistung aus.

Der bilaterale Handel zwischen Deutschland und der Türkei war davon überdurchschnittlich betroffen. Die Ausfuhren nach Deutschland gingen um 14,4% zurück. Die Einfuhren aus Deutschland verringerten sich um 10,5%. Der Importrückgang ist mit der schwachen Konjunktur zum Beginn des Jahres zu erklären, wodurch weniger Importbedarf entstand. Wesentlich beigetragen zum Importrückgang haben die stark gesunkenen Erdölpreise, was für die Handels- und Leistungsbilanz eine Entlastung mit sich brachte. Das Defizit in der Leistungsbilanz fiel um 7,5% auf 10,9 Mrd. $. Der Anteil des Leistungsbilanzdefizits am BIP wird nach 5,7% im Jahr 2014 nach Prognosen des IWF und der Europäischen Kommission 2015 voraussichtlich auf 4,4% zurückgehen.

Branchen im Überblick

Die Produktion der verarbeitenden Industrie stieg 2014 um 3,1% und im 1 Quartal 2015 um 1,2% (kalenderbereinigter Produktionsindex). Nach den schwachen Monaten Januar und Februar war im März ein kräftiger Zuwachs von 5,0% zu verzeichnen. Im Rahmen der staatlichen Investitionsförderung erhalten wertschöpfungsorientierte Projekte und strategisch wichtige Großvorhaben finanzielle Vergünstigungen. Gefördert werden vor allem Industriezweige mit einer hohen Importabhängigkeit. Damit sollen die Strukturschwäche der Industrie mittelfristig behoben, die Leistungsbilanz entlastet und die Voraussetzungen für ein stetiges Wachstum verbessert werden.

Maschinen- und Anlagenbau

Die Produktion des Maschinenbaus sank im 1. Quartal 2015 gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres kalenderbereinigt um 2,3% (Gesamtjahr 2014: +2,7%). Die Umsätze werden nach Verlautbarungen aus Industriekreisen 2015 um etwa 5% steigen. Die Abwertung der Lira und der damit verbundene Kostenanstieg dämpft die Nachfrage nach importierten Maschinen. Mittelfristig ist mit einer günstigeren Maschinenkonjunktur zu rechnen. Die geplante Ausweitung der Produktionskapazitäten in der Industrie führen zu einer wachsenden Nachfrage nach Maschinen und Anlagen. Etwa zwei Drittel davon werden aus dem Ausland eingeführt. Deutschland ist wichtigster Lieferant. Ankara fördert den Ausbau der lokalen Maschinenfertigung. Die Wertschöpfung und die Wettbewerbsfähigkeit der Branche sollen erhöht werden.

Kfz-Industrie

Nach einem schlechten Jahr 2014 erfreute sich die Kfz-Industrie in den ersten vier Monaten 2015 eines kräftigen Aufschwungs. Laut Automobilverband OSD erhöhten sich der Absatz gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres um 56%, die Produktion um 28%, die Importe um 45% und die Exporte um 17%. Der starke Absatzanstieg wird mit Inflationserwartungen der Verbraucher erklärt, die ihre Käufe vorgezogen haben. Kommerzielle Kraftfahrzeuge (Taxis, Minibusse usw.), die bis Ende 2016 gekauft werden, sollen nach den Plänen der Regierung von der Sonderverbrauchsteuer (ÖTV) teilweise befreit werden. Wegen der Euro-Abwertung gegenüber dem US-Dollar sank der Exportwert der Kfz- und -Zulieferindustrie im Zeitraum Januar bis April 2015 um 7% auf 7,2 Mrd. $. Der Großteil der Ausfuhren geht in die EU.

Chemie

Die Produktion der chemischen Industrie wuchs 2014 um 4,5% und fiel im 1. Quartal 2015 kalenderbereinigt um 4,1%. Der Umsatz der Industrie wird 2015 voraussichtlich um 5% expandieren, wenn auch vielfältige binnen- und außenwirtschaftliche Unwägbarkeiten die Marktentwicklung beeinträchtigen. Die Nachfrage nach Industriechemikalien steigt weiter. Großer Investitionsbedarf besteht vor allem bei petrochemischen Grundstoffen, die bei der Kunststoffherstellung eingesetzt werden. Zur Verbesserung der Versorgung und zum Abbau der hohen Importabhängigkeit werden mehrere Projekte durchgeführt. Im Mittelpunkt der Investitionsprogramme steht der Petrochemiekonzern Petkim, der seine Anlagen ausbaut und Modernisierungsprojekte realisiert.

Bauwirtschaft

Die Baukonjunktur, die sich 2014 mit einem realen Wachstum von 2,2% (2013: 7,0%) deutlich abgekühlt hatte, zeigt Zeichen der Belebung. Für 2015 rechnen Analysten mit einer realen Expansion im Baugewerbe zwischen 4 und 5%. Auch in den kommenden Jahren dürfte sich das Wachstum in dieser Größenordnung fortsetzen. Im oberen Segment des Wohnungsbaus sind gewisse Sättigungstendenzen zu verzeichnen. Im sozialen Wohnungsbau besteht dagegen weiterhin Potenzial. Die von der Regierung vorangetriebenen großen Infrastrukturprojekte im Verkehrs- und Energiesektor lösen erheblichen Bedarf an Baumaßnahmen, Baustoffen, Maschinen und Ausrüstungen aus. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen. Viele Großvorhaben laufen über längere Zeiträume und werden in mehreren Etappen verwirklicht.

Elektrotechnik/Elektronik

Die Fertigung projektbezogener elektrischer Anlagen und Ausrüstungen verharrte 2014 auf dem Vorjahresniveau. Aufgrund der verschlechterten Konjunktur fiel im 1. Quartal 2015 die Produktion sogar um 3,3%. Demgegenüber meldet der Verband der Hersteller und Importeure von kleinen elektrischen Hausgeräten KESID steigende Umsätze. Mit der steigenden Zahl der privaten Haushalte wächst der Bedarf an verschiedenen Haus- und Küchengeräten. Für diese Sparte bestehen allgemein optimistische Marktprognosen. Davon profitieren auch die Importe. Aufgrund der positiven Erwartungen investieren lokale Hersteller, wie die BSH-Tochterfirma, in den Ausbau der Produktion und der Vertriebsnetze.

Informations- und Kommunikationstechnik

Mit der geplanten Einführung der 4G/LTE-Standards 2015 ergeben sich neue Geschäftsmöglichkeiten. Die Regierung will im Zusammenhang mit der 4G-Einführung einen weiteren Netzbetreiber zulassen. Die bereits am Markt operierenden Gesellschaften planen umfangreiche neue Investitionen. Es werden vor allem Leistungssteigerungen beim mobilen Internet angestrebt. Innerhalb von sechs Jahren sollen mindestens 90% der Bevölkerung Mobilfunknetze nach 3G- oder 4G/LTE-Standard nutzen können. In den nächsten drei Jahren sollen 99% der Autobahnen und der Hochgeschwindigkeitszugstrecken vom Netz erfasst sein. Die Glasfasernetze werden ausgebaut. Das Glasfasernetz der TT-Gruppe (Türk Telekom), die seit 2005 insgesamt 5 Mrd. Euro investierte, hat inzwischen eine Länge von 187.000 km erreicht.

Umwelttechnik

Im Umweltsektor besteht ein immenser Nachholbedarf. Umfangreiche Investitionen werden benötigt. Für Zulieferer ergeben sich vielfältige Chancen. Aufgrund der verschärften gesetzlichen Vorschriften und behördlichen Kontrollen gewinnen Projekte für die industrielle Abwasserentsorgung zunehmend an Bedeutung. Mehrere Städte und Unternehmen führen Projekte für die Abwasser- und Abfallentsorgung durch. Dafür werden umfangreiche Planungs- und Beratungsdienste sowie Ausrüstungen benötigt. Eine Reihe von Projekten erhält staatliche Förderung und wird international (EU, Weltbank) mitfinanziert. Industrielle Recycling-Projekte gewinnen an Bedeutung. Die wachsenden Abfallmengen sollen wirtschaftlich verwertet werden. Bei Verpackungen wird bis 2020 eine Wiedergewinnungsrate von 60% (2014: 44%) angestrebt.

Medizintechnik

Der Markt für Medizintechnik wächst jährlich um mindestens 10% und wird 2015 voraussichtlich ein Umsatzvolumen von rund 3 Mrd. $ erreichen. Etwa drei Viertel des Umsatzes wird mit importierten Produkten gemacht. Vor allem High-Tech-Geräte werden im Ausland beschafft. Die zahlreichen staatlich geförderten Projekte zum Bau, zur Erweiterung und Modernisierung von Krankenhäusern und Kliniken lösen Bedarf an medizinisch-technischen Geräten, Apparaten und Instrumenten aus. Im Rahmen des PPP-Modells (Public-Private-Partnership) entstehen in mehreren Städten neue Krankenhäuser. Das zunehmende Gesundheitsbewusstsein und die Verbesserung der staatlichen Gesundheitsdienste begünstigen die Entwicklung des Marktes. Immer mehr Bevölkerungsschichten kommen in den Genuss medizinischer Behandlungen.

Energietechnik

Die Türkei gehört zu den am schnellsten wachsenden Strommärkten. Zur Deckung der steigenden Nachfrage bedarf es umfangreicher Investitionen in neue Kraftwerke, Elektrizitätsnetze und Energieeffizienz. Die Diversifizierung der primären Energiequellen und die Liberalisierung des Marktes sind wichtige Ziele der türkischen Energiepolitik. In enger Kooperation zwischen der Regierung und dem Privatsektor wird der Strukturwandel zielstrebig vorangetrieben. Die Nutzung lokal verfügbarer und erneuerbarer Energien hat Vorrang. Es ist der Bau von drei Kernkraftwerken vorgesehen. Zur Deckung des steigenden Bedarfs müssen die Kraftwerkskapazitäten von zurzeit 70.000 MW bis 2023 auf rund 100.000 MW erhöht werden. Der Investitionsbedarf dafür beläuft sich auf insgesamt 130 Mrd. $.

Lebensmittel

Die Lebensmittelindustrie steigerte ihre Produktion 2014 um 4,1%. Allerdings sank der Ausstoß im 1. Quartal 2015 leicht um 0,2%. Die Branche ist mit mehr als 400.000 Beschäftigten eine der dynamischsten Industriezweige des Landes. Die große Vielfalt von lokal erzeugten Agrarprodukten, wie Obst, Gemüse, Getreidesorten, Hülsenfrüchte und Ölfrüchte, bildet eine gute Grundlage und ein hohes Wachstumspotenzial für die Produktion und den Export von Lebensmitteln. Qualitäts- und Verpackungsaspekte gewinnen infolge des steigenden Verbraucherbewusstseins sowie der Verbreitung moderner Super- und Hypermärkte zusehends an Bedeutung. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit neuer Investitionen in fortgeschrittene Technologien, die größtenteils importiert werden müssen.

Tourismus

Der Fremdenverkehr mit einem Anteil am BIP von mehr als 4% bleibt - trotz des Rückgangs der Besucher aus Russland und der Unruhen in den Nachbarländern - ein wichtiger Devisenbringer. Auf der Rangliste des „Travel & Tourism Competitiveness Report 2015“ des World Economic Forum belegt die Türkei unter 141 Ländern den Platz 44 (2009: 56). Der Verband der Reiseveranstalter TÜRSAB erwartet für 2015 insgesamt 42 Mio. (2014: 36,8 Mio., davon 5,3 Mio. Deutsche) ausländische Touristen und Einnahmen von 36,0 Mrd. $ (2014: 34,3 Mrd. $). Bis 2025 werden Einnahmen von 100 Mrd. $ angestrebt. Zahlreiche Hotelprojekte für den Ferien- und Konferenztourismus befinden sich im Aufbau und lösen Bedarf an Hotelausstattungen aus. Auch der wachsende Gesundheitstourismus bietet Chancen.

Wirtschaftstrends Jahreswechsel 2015/16

Gesamtwirtschaftlicher Ausblick

Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts

 

Nach den mehrmonatigen innenpolitischen Unsicherheiten im Jahr 2015 erwartet die türkische Geschäftswelt nach dem eindeutigen Sieg der Regierungspartei AKP bei den Wahlen vom 1.11.15 positive Impulse für die Wirtschaft. Die neue Regierung mit einer satten Mehrheit im Parlament wird voraussichtlich die laufenden großen Infrastrukturprojekte vorantreiben, strukturelle Reformen zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie in Angriff nehmen und Maßnahmen zur Stärkung der Kaufkraft der privaten Haushalte beschließen.

Gemäß dem mittelfristigen Wirtschaftsprogramm der türkischen Regierung soll das BIP 2016 real um 4,0% und 2017 um 4,5% zunehmen. Die Europäische Kommission erwartet für das kommende Jahr dagegen ein Wachstum von nur 3,2%. Im Jahr 2017 soll das BIP voraussichtlich um 3,4% steigen.

Trotz der relativen Beruhigung in der Innenpolitik stellen die Strukturschwäche der Industrie, die Probleme bei den Exporten, die starke Volatilität der lokalen Währung und die hohe Jahresinflation von circa 8% beachtliche Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung dar. Wegen der massiven Importabhängigkeit bei Energieträgern, Rohstoffen und Halbwaren führt ein höheres BIP-Wachstum zu einem spürbaren Anstieg der Einfuhren und des hohen Leistungsbilanzdefizits. Bei einer niedrigen gesamtwirtschaftlichen Sparquote von circa 14% löst dies wiederum Finanzierungsprobleme aus und führt dazu, dass das Wachstumspotenzial nicht voll ausgeschöpft werden kann.

Die Abwertung der türkischen Währung infolge politischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten sowie Kapitalflucht bringen in Verbindung mit der Importabhängigkeit hohe Preis- und Kostensteigerungen. Letztere beeinträchtigen die Kaufkraft der Verbraucher und erhöhen die Investitions- sowie Betriebskosten der Unternehmen. Die Abwertung der Türkischen Lira gegenüber dem US-Dollar erreichte 2015 durchschnittlich knapp 30%. Auch die Ungewissheiten über den möglichen Fortgang der Syrienkrise mit mehr als 2 Mio. Flüchtlingen aus dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Nachbarland stellt weiterhin ein erhebliches Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung und den gesellschaftlichen Frieden dar.

Investitionen

Die Investitionskonjunktur entwickelt sich günstiger als erwartet. Das Statistikamt TÜIK wies für das 1. Halbjahr 2015 gegenüber dem Vorjahreszeitraum einen realen Zuwachs der Investitionen von 5,2% aus. Für das Gesamtjahr 2015 rechnet die Regierung mit einem Plus von 4,7%. Im Jahr 2016 sollen die Investitionen um 5,2% und 2017 sogar um 7,5% steigen.

Die strukturell bedingten Defizite in der Wirtschaft führen dazu, dass die Türkei für die Finanzierung ihrer ehrgeizigen Infrastruktur- und Industrieprojekte und der damit verbundenen Importe in hohem Maße auf Kapitaleinfuhren angewiesen bleibt. Zur Sicherung der Geldflüsse aus dem Ausland, ob Direktinvestitionen, Portfolioinvestitionen oder Kredite, bedarf es politischer Stabilität sowie verlässlicher und transparenter Rahmenbedingungen. Die anstehenden Strukturreformen der Regierung im Rechts- und Verwaltungsbereich sollen die Voraussetzungen für ein verstärktes Engagement ausländischer Firmen in der Türkei verbessern.

Laut Wirtschaftsministerium erhöhten sich die ausländischen Direktinvestitionen in den ersten acht Monaten 2015 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 35,5% auf 11,8 Mrd. US$. Davon kamen 4,8 Mrd. $ aus der EU (+19,7%). Die Zahl der Firmen mit deutschem Kapital bezifferte das Ministerium mit 6.321.

  

Potenzielle Investoren und Unternehmen, die in die Türkei exportieren wollen, sollten bei ihrer Entscheidung über den Markteintritt das Stärken-Schwächen-Profil des Standorts und die damit verbundenen Chancen und Risiken (SWOT-Analyse) berücksichtigen:

Konsum

Der private Verbrauch erhöhte sich nach Angaben von TÜIK im 1. Halbjahr 2015 gegenüber dem Vorjahreszeitraum real um 5,1%. Für das Gesamtjahr geht die Regierung von einem Plus von 4,5% aus, wie dem mittelfristigen Programm zu entnehmen ist. Im Jahr 2016 wird ein Konsumanstieg von 3,6% und im Jahr 2017 von 4,3% vorausgesagt. Die Prognosen der Europäischen Kommission fallen dagegen mäßiger aus. Diese rechnet für 2015 mit einem Zuwachs von 3,6%. Im Jahr 2016 soll der private Verbrauch nur noch um 2,4% und 2017 um 2,9% zulegen.

Die schwache Türkische Lira und die relativ hohe Inflation mindern die inländische Kaufkraft. Die Auswirkungen der Währungsabwertung werden Verbraucher jedoch erst 2016 vollends zu spüren bekommen. Eine starke Anhebung der Nominallöhne könnte diese Entwicklung allerdings ausgleichen. Die Regierung hat für Anfang 2016 eine Anhebung des gesetzlichen Mindestlohnes um 30% auf 1.300 TL pro Monat angekündigt. Diese Erhöhung wird nach Einschätzung von Arbeitsmarktexperten das gesamte Lohngefüge nach oben verschieben und zunächst einen neuen Kaufkraftschub auslösen.

Außenhandel

Die Importe gingen in den ersten drei Quartalen 2015 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 13,1% auf 156,3 Mrd. $ zurück. Dabei sanken die Einfuhren aus Deutschland nur um 4,3%. Überdurchschnittliche Rückgänge verzeichneten die Importe aus Iran (-36,7%), Russland (-18,3%), Indien (-18,8%) und den Niederlanden (-19,9%). Wichtigster Lieferant war mit einem Anteil von 11,8% an den Gesamtimporten VR China, gefolgt von Russland (10,1%) und Deutschland (10,1%). Die Regierung erwartet für 2016 einen Anstieg der Einfuhren um rund 4%. Der Importwert im Gesamtjahr 2015 wird auf 208,4 Mrd. $ geschätzt.

Die türkischen Exporte gingen in den ersten neun Monaten um 9,4% auf 107,3 Mrd. $ zurück. Die Lieferungen nach Russland sind um 40,1% eingebrochen. Die Ausfuhren nach Deutschland schrumpften mit 14,7% ebenfalls überdurchschnittlich stark. Dennoch blieb die Bundesrepublik mit einem Anteil von 9,1% an den türkischen Ausfuhren größter Abnehmer der Türkei, gefolgt vom Vereinigten Königreich (7,4%) und Irak (6,0%). Die Regierung rechnet für 2016 mit einer Zunahme der Ausfuhren um circa 5%. Der Exportwert für das Gesamtjahr 2015 soll 143,0 Mrd. $ betragen.

 

Branchen im Überblick

Die Produktion der verarbeitenden Industrie erhöhte sich in den ersten drei Quartalen 2015 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 3,3%. Das geht aus dem saison- und kalenderbereinigten Produktionsindex des Statistikamtes TÜIK hervor. Im Rahmen der staatlichen Investitionsförderung erhalten wertschöpfungsorientierte und arbeitsplatzschaffende Projekte sowie strategisch wichtige Großvorhaben finanzielle Vergünstigungen. Gefördert werden vor allem Industriezweige mit hoher Importabhängigkeit. Damit sollen die Strukturschwäche der Industrie mittelfristig behoben, die Leistungsbilanz entlastet und die Voraussetzungen für ein nachhaltiges Wachstum verbessert werden.

Maschinen- und Anlagenbau

Die günstigen Investitionsprognosen lassen für 2016 eine Belebung des Maschinenmarkts mit einem Umsatz von circa 42 Mrd. $ (2015) erwarten. Die Hersteller von Baumaschinen profitieren von den großen laufenden Infrastrukturprojekten und Stadtsanierungsvorhaben. Die Projekte zur Modernisierung der Produktion in der verarbeitenden Industrie lösen eine hohe Nachfrage nach Werkzeugmaschinen aus. Die expandierende Lebensmittelindustrie benötigt moderne Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen. Die Textilindustrie hat Bedarf an Hightechausrüstungen, um sich mit hoher Produktqualität für den Wettbewerb mit asiatischen Konkurrenten zu wappnen. Die türkischen Exporte von Maschinen und Anlagen mussten in den ersten drei Quartalen 2015 einen Rückgang um 10% auf 4,1 Mrd. $ hinnehmen.

Kfz-Industrie

Nach einem starken Anstieg des Inlandsabsatzes und der Produktion im Jahr 2015 rechnet die Automobilindustrie für 2016 mit einem schwächeren Wachstum. Viele Käufe wurden 2015 wegen befürchteter Preissteigerungen infolge der Währungsabwertung vorgezogen. Laut Automobilverband OSD erhöhte sich die Kfz-Fertigung in den ersten drei Quartalen 2015 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 17% auf 973.842 Fahrzeuge. Die Importe stiegen um 37% auf 455.259 Einheiten. Während sich der Inlandsabsatz um 39% auf 693.185 Fahrzeuge erhöhte, stiegen die Exporte nur um 8% auf 706.860. Für 2016 rechnet OSD mit der Produktion von 1,3 Mio. Fahrzeugen. Die Exporte sollen 950.000 Stück erreichen.

Chemie

Die chemische Industrie mit einem gesamten Marktvolumen von rund 100 Mrd. $ (2015) erwartet für 2016 ein Umsatzwachstum von maximal 4% (Schätzung 2015: +3%). Abgesehen vom relativ starken Produktionsanstieg bei Arzneimitteln und bei Raffinerieerzeugnissen entwickeln sich die übrigen Chemiesparten mäßig. Der Außenhandel mit Chemikalien ist rückläufig. Die Exportziele müssen nach unten korrigiert werden. Laut Statistikamt TÜIK gingen die Ausfuhren von chemischen Erzeugnissen in den ersten drei Quartalen 2015 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 14% auf 11,6 Mrd. $ zurück. Unter dessen schreiten die längerfristigen und laufenden Investitionen voran. Dabei geht es vor allem um Ölraffinerien und Petrochemiewerke.

Bauwirtschaft

Die Produktion der Bauwirtschaft ging im 1. Halbjahr 2015 gegenüber dem Vorjahreszeitraum real um 0,3% zurück, so das Statistikamt TÜIK. Die schwache Konjunktur zeigte sich vor allem an den abnehmenden Baugenehmigungen. Sowohl die Zahl der zugelassenen Objekte als auch die Fläche gingen im Durchschnitt um fast 30% zurück. Vor allem die Baugenehmigungen für Bauten für den Groß- und Einzelhandel sowie für Hotels brachen drastisch ein. Zugelegt haben lediglich die Genehmigungen für Bürogebäude. Gute Chancen im Baugewerbe ergeben sich durch Infrastrukturprojekte im Energie- und Verkehrssektor. Im Hochbau dürften die steigenden Kosten aufgrund der Währungsabwertung zu einem geringeren Wachstum der Nachfrage führen.

Elektrotechnik/Elektronik

Die Fertigung projektbezogener elektrischer Anlagen und Ausrüstungen erhöhte sich in den ersten drei Quartalen 2015 gegenüber dem Vorjahreszeitraum laut TÜIK um 1,1%, nach einer Stagnation des saison- und kalenderbereinigten Produktionsindex im Jahr 2014. Der Produktionsindex für elektronische Konsumgüter sank wegen des Exporteinbruchs (Exportwert: -15%) um 3,9%. Mittelfristig verspricht der lokale Markt jedoch steigenden Absatz. Mit der zunehmenden Zahl der privaten Haushalte wächst der Bedarf an Haus- und Küchengeräten sowie an Unterhaltungselektronik. Davon profitieren auch ausländische Anbieter. Aufgrund der positiven Erwartungen investieren lokale Hersteller in den Ausbau der Produktion und der Vertriebsnetze.

Informations- und Kommunikationstechnik

Die Investitionen im Bereich der Telekommunikation fließen hauptsächlich in den Ausbau und in die Modernisierung des Mobilfunknetzes. Ende August 2015 erteilte die Regulierungsbehörde für Informations- und Kommunikationstechnologien BTK an die Unternehmen Turkcell, Vodafone und Avea neue Lizenzen, mit denen die Einführung der 4G-Technologie bis April 2016 erfolgen soll. Für die Etablierung des neuen Mobilfunkstandards müssen nach Einschätzung von Experten mindestens 30.000 Bodenstationen errichtet werden. Aktuell gibt es etwa 100.000 Stationen im Land. Das Glasfasernetz müsste um das Sechsfache auf 1,5 Mio. km verlängert werden. Der Investitionsbedarf dafür wird auf 7,5 Mrd. $ veranschlagt.

Umwelttechnik

Steigende Projekttätigkeit wird im Bereich der Abfallentsorgung und Recycling erwartet. Forciert werden diese Vorhaben durch das allgemein wachsende Umweltbewusstsein und die neuen gesetzlichen Bestimmungen mit entsprechenden Auflagen für Hersteller und Verbraucher. Mehrere Städte, kommunale Gebietskörperschaften, öffentliche und private Unternehmen befassen sich mit Projekten für die Abfallentsorgung und Wiedergewinnung, für die spezialisierte Planungs- und Beratungsdienste sowie Ausrüstungen benötigt werden. Für eine zusätzliche Dynamik am Entsorgungs- und Recyclingmarkt sorgen neue gesetzliche Bestimmungen, die im Zuge der anvisierten EU-Integration von türkischen Behörden erlassen werden. Im Bereich der Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung besteht großer Nachholbedarf.

Medizintechnik

Der Markt für Medizintechnik mit einem geschätzten Umsatzwert von 2,7 Mrd. $ (2015) wächst im Durchschnitt um 6% pro Jahr. Die Türkei entwickelt sich zu einem attraktiven Standort für Investitionen in Gesundheitseinrichtungen. Bestehende Krankenhausunternehmen investieren in den Bau und Ausbau von Hospitälern. Neue Investoren kommen hinzu. Die Ausweitung des Gesundheitstourismus ist ein erklärtes Ziel der türkischen Regierung. Nach den Plänen des Gesundheitsministeriums soll die Zahl der ausländischen Patienten von 500.000 (Schätzung 2015) bis 2023 auf rund 2 Mio. steigen. Die Deviseneinnahmen aus dem Gesundheitstourismus sollen nach den Projektionen des Ministeriums bis 2015 auf 7 Mrd. $ und bis 2023 sogar auf 20 Mrd. $ zunehmen.

Energiewirtschaft

Der Ausbau und die Diversifizierung der Energieerzeugungskapazitäten schreiten voran. Mit den zusätzlich in Betrieb genommenen Kraftwerken mit einer Kapazität von 3.296 MW in den ersten zehn Monaten 2015 stiegen die gesamten Kapazitäten auf 72.456 MW. Die Nutzung der einheimischen Braunkohle für die Energieproduktion wird vorangetrieben. Unter den erneuerbaren Energien macht die Windenergie ersichtliche Fortschritte. Bis 2023 sollen die Windkraftkapazitäten auf 20.000 MW erhöht werden. Das Interesse an der lizenzfreien Energieerzeugung (Anlagen unter 1 MW) aus Fotovoltaikanlagen ist groß. Die regionalen Betriebsgesellschaften von Elektrizitätsnetzen investieren in intelligente Lösungen (smart grids), um die Qualität ihrer Dienste zu erhöhen und die Leitungsverluste zu reduzieren.

Lebensmittel

Der saison- und kalenderbereinigte Produktionsindex der Lebensmittelindustrie erhöhte sich laut TÜIK in den ersten drei Quartalen 2015 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 1,8%. Die Branche ist mit mehr als 400.000 Beschäftigten eine der dynamischsten Industriezweige des Landes. Die große Vielfalt an einheimischen Agrarprodukten wie Obst, Gemüse, Getreidesorten, Hülsen- und Ölfrüchten bildet eine gute Grundlage und ein hohes Wachstumspotenzial für die Produktion und den Export von Lebensmitteln. Qualitäts- und Verpackungsaspekte gewinnen infolge des steigenden Verbraucherbewusstseins sowie der Verbreitung moderner Super- und Hypermärkte zusehends an Bedeutung. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit neuer Investitionen in fortgeschrittene Technologien, die größtenteils importiert werden müssen.

Tourismus

Der Fremdenverkehr hat einen Anteil von über 4% am BIP und bleibt trotz des Rückgangs der Besucher aus Russland im Jahr 2015 und der Unruhen in den südöstlichen Grenzgebieten ein wichtiger Devisenbringer. Auf der Rangliste des "Travel & Tourism Competitiveness Report 2015" des World Economic Forum belegt die Türkei unter 141 Ländern den 44. Platz (2009: 56). Laut Statistikamt TÜIK sanken die Tourismuseinnahmen in den ersten drei Quartalen 2015 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 6,5% auf 24,9 Mrd. $. Damit wird im Gesamtjahr 2015 das Ergebnis des Vorjahres von 34,3 Mrd. $ unterschritten werden. Mehrere neue Hotels für den Ferien- und Konferenztourismus werden gebaut und lösen Bedarf an Hotelausstattungen aus. Auch der wachsende Gesundheitstourismus bietet Chancen.