Wirtschaftsausblick Mai 2017 - Türkei

Nachhaltigkeit des Wachstums zweifelhaft  / Von Necip C. Bagoglu

Istanbul (GTAI) – Nach den größtenteils politisch bedingten Turbulenzen und Unsicherheiten zeigt die türkische Wirtschaft Mitte 2017 trotz der weiter bestehenden geopolitischen und globalen Risiken leichte Signale der Erholung. Die Prognosen für das reale BIP-Wachstum wurden leicht angehoben. Die Mehrheit der Analysten geht für 2017 von einer wirtschaftlichen Expansion von rund 3% aus.

 

Wirtschaftsentwicklung: Expansive Finanzpolitik für höheres BIP- Wachstum

Nach der Entscheidung zur Einführung eines Präsidialsystems ab 2019 durch das am 16.4.17 abgehaltene Referendum zeigt die türkische Wirtschaft Zeichen einer leichten Erholung, wenn auch zahlreiche Risiken und Unwägbarkeiten bestehen bleiben. Mit der steigenden Inflation, die per Ende April 2017 eine Höhe von 11,9% erreichte, und der wachsenden Arbeitslosigkeit von knapp 13,0% wächst die Gefahr einer Stagflation. Nicht wenige Analysten haben erhebliche Zweifel, ob die regierungsseitig ergriffenen kurzfristigen Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur auch ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum sichern können, zumal die bekannten Strukturprobleme bestehen bleiben. Dabei geht es vor allem um die vergleichsweise niedrige lokale Wertschöpfung in der Produktion und die hohe Importabhängigkeit der Industrie mit negativen Folgen für die Kostenstruktur der Betriebe und die Finanzierung des Leistungsbilanzdefizits.

Die Wachstumsprognosen für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2017 gehen weit auseinander. Während die Regierung in ihrem bisher nicht revidierten mittelfristigen Wirtschaftsprogramm (2017 - 2019) für das laufende Jahr ein reales Wachstum des BIP von 4,4% vorsieht (2016: +2,9%), rechnet der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem „World Economic Outlook“ (April 2017) für die Türkei mit einem Zuwachs von 2,5%, der 2018 weiter auf 3,3% steigen soll. Die Europäische Kommission sagt in ihrer Prognose vom Mai 2017 für die Türkei ein Wachstum von 3,0% voraus. Für 2018 erwartet die Kommission ebenso eine BIP-Expansion von 3,3%.

Wichtigster Treiber des Wachstums ist die extrem expansive Finanz- und Kreditpolitik mit einer massiven Ausweitung der Staatsausgaben zur Förderung des Verbrauchs und der Investitionen. Neues Instrument dieser Expansion ist der staatliche Kreditgarantiefonds KGF, über den an die Betriebe vergebenen Bankkredite staatlich abgesichert werden. Allein über dieses Instrument wurden in den ersten vier Monaten 2017 für zusätzliche Kredite an 234.000 Betriebe von rund 160 Mrd. TL die Risiken der Kreditinstitute vom Staat übernommen. Außerdem versucht die Regierung mit  Steuererleichterungen sowie anderen direkten Preis- und Zinssubventionen die Konjunktur in Schwung zu bringen.

Begründet und gerechtfertigt wird die expansive Ausgabenpolitik nicht nur mit der notwendigen Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, sondern auch mit dem bislang niedrigen Anteil des Haushaltsdefizits am BIP von nur 1,1% (2016). Angesichts dieser niedrigen Quote sieht die Regierung ausreichenden Spielraum zur Erhöhung der Staatsausgaben und der Neuverschuldung. Allerdings mehren sich Zweifel, ob eine dermaßen expansive und inflationstreibende Politik bis zu den planmäßigen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im November 2019 durchgehalten werden kann. Vorgezogene Wahlen würden aber  in der Wirtschaft neue Unsicherheitsmomente auslösen.

Wirtschaftliche Entwicklung 2015 bis 2017 (reale Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %)

 

2015

2016  

2017 2)

BIP

6,1

2,9

4,4

Einfuhr (cif) 1)

-8,7

-4,2

8,0

Bruttoanlageinvestitionen 3)

9,2

3,0

5,1

Privater Verbrauch

5,5

2,3

4,3

1) Wareneinfuhren; 2) Prognosen der türkischen Regierung

Quellen: Statistikamt TÜIK; mittelfristiges Programm 2017 – 2019 der türkischen Regierung

Wirtschaftliche Eckdaten der Türkei

Indikator

2015*)

2016*)

Vergleichsdaten Deutschland 2016 (werden durch Red. eingefügt)

BIP (nominal, Mrd. US$)

861,5

856,8

 

BIP pro Kopf (US$)

11.014

10.807

 

Bevölkerung (Mio.)

78,7

79,8

 

* Revidierte zahlen

Quellen: Türkisches Statistikamt TÜIK, Statistisches Bundesamt

Investitionen: Unwägbarkeiten und Risiken schrecken Firmen ab

Die schwache Investitionskonjunktur stellt ein wichtiges Hindernis für das BIP-Wachstum dar. Dies trifft sowohl auf lokale wie auch internationale Investoren zu. Viele Unternehmen, vor allem kleine und mittelständische Firmen, halten sich wegen der Unsicherheiten zurück und warten auf die Aufhebung des nach dem Putschversuch vom 15.7.16 verhängten Ausnahmezustandes, der gewisse Einschränkungen bringt. Die nach oben revidierte türkische Statistik weist für 2016 ein reales Wachstum der Investitionen von 3,0% aus. Im mittelfristigen Wirtschaftsprogramm wird für 2017 gar ein Zuwachs von 5,1% angesetzt. Demgegenüber sehen die Prognosen der Europäischen Kommission für 2017 einen Zuwachs von nur 1,6% vor, der sich 2018 auf 3,1% beschleunigen soll.

Da die Türkei zur Finanzierung ihres BIP-Wachstums und zur Verwirklichung der ehrgeizigen Wirtschaftsziele bis 2023 mit einem angestrebten BIP von 2.000 Mrd. US$ und einem Pro-Kopf-Einkommen von 25.000 $ in hohem Maße auf ausländisches Kapital angewiesen bleibt, haben internationale Direktinvestitionen einen hohen Stellenwert. Diese befinden sich jedoch im Rückzug. Nach einem Rückgang von 31% auf 12,1 Mrd. $ im Jahr 2016 ermäßigten sie sich in den ersten zwei Monaten 2017 gegenüber dem gleichen Zeitraum 2016 um weitere 34% auf 1,1 Mrd. $. Die meisten großen Infrastrukturprojekte werden nach dem BOT-Betreiber-Modell verwirklicht. Zur Finanzierung von großen Investitionen gründete die Regierung kürzlich einen neuen staatlichen Investitionsfonds.

Ausgewählte Großprojekte in der Türkei

Projektbezeichnung

Investitionssumme (Mio. Euro) *)

Projektstand

Anmerkung/Ansprechpartner

Kernkraftwerk Akkuyu (Akkuyu Nükleer A. S.)

20,0

Projektdurchführung durch die russische Rosamtom, Fertigstellung bis 2022 vorgesehen, bisher Infrastrukturarbeiten am Hafen

Bau eines Kernkraftwerkes mit 4.800 MW an der Mittelmeerküste in der Provinz Mersin, Ansprechpartner: Akkuyu Nükleer A. S. (www.akkuyu.com)

Kernkraftwerk Sinop (EÜAS)

20,0

Vereinbarung mit japanisch-französischem Konsortium Mitsubishi, Areva und GDF Suez, Bau noch nicht begonnen

Bau eines Kernkraftwerkes mit 4.480 MW an der Schwarzmeerküste in der Provinz Sinop, Ansprechpartner: Energieministerium (www.enerji.gov.tr)

Kanal Istanbul

18,0

In Planung, genauer Streckenverlauf noch nicht festgelegt, Kooperationsvertrag mit Panama abgeschlossen

Bau eines 43 km langen, 500 m breiten und 25 m tiefen Kanals mit elf Brücken parallel zum Bosporus westlich von Istanbul zur Verbindung des Schwarzen Meers mit dem Marmara-Meer, Ansprechpartner: Verkehrsministerium (www.udhb.gov.tr)

Dritter internationaler Flughafen Istanbul (IGA

10,3

Laufende Aufbauarbeiten durch türkisches Konsortium Limak, Kalyon, Mapa, Cengiz und Kolin, Fertigstellung des ersten Abschnitts für 2018 geplant

Bau eines dritten internationalen Flughafens in Istanbul auf einer Fläche von 77 Mio. qm für zunächst 90 Mio. und später für 150 Mio. Passagiere, BOT-Modell (Laufzeit: 25 Jahre), Ansprechpartner: IGA (www.igairport.com)

Trans-Anatolian Natural Gas Pipeline Project (TANAP)

8,7

Im Bau, Fertigstellung bis Mitte 2018 geplant

Pipeline für die Durchfuhr von Erdgas aus Aserbaidschan über die Türkei nach Europa mit einer Jahreskapazität von 16 Mrd. cbm durch die Ölgesellschaften TPAO (Türkei) und SOCAR (Aserbaidschan)

Ansprechpartner: TANAP (www.tanap.com)

Autobahn Istanbul – Izmir, einschließlich Hängebrücke bei Izmit

8,1

Laufende Bauarbeiten durch das Konsortium Nurol, Özaltin, Makyol, Astaldi, Yüksel, Göcay sowie IHI und Itochu (Japan), Fertigstellung bis 2019 geplant, Hängebrücke bei Izmit 2016 fertiggestellt

Bau einer 377 km langen Autobahn, 44 km Verbindungsstraßen und einer 2.688 m langen Hängebrücke über die Bucht von Izmit, Ansprechpartner: Verkehrsministerium (www.udhb.gov.tr)

Petkim Star-Erdölraffinerie (Socar Turkey Aegean Refinery)

4,0

Im Bau, Fertigstellung bis 2018

Ölraffinerie im Rahmen des Petrochemie-Komplexes Aliaga/Izmir für die Verarbeitung von 10 Mio. t Rohöl pro Jahr,

Ansprechpartner Socar Turkey (www.socar.com.tr)

Dreistöckiger Tunnel unter dem Bosporus in Istanbul

3,2

BOT-Modell angestrebt, Bauzeit von ca. fünf Jahren erwartet, noch keine Auftragsvergaben

Tunnel mit zwei Etagen für Kfz und einer Etage für die Stadtbahn (täglich 6,5 Mio. Passagiere), Ansprechpartner: Verkehrsministerium (www.udhb.gov.tr)

Hängebrücke über Dardanellen

2,7

Bauarbeiten Anfang 2017 begonnen, Fertigstellung bis 2023; BOT-Konsortium: Daelim (Südkorea), Limak, SK (Südkorea), Yaoi Merkezi

Bau einer Hängebrücke über die Dardanellen mit angeschlossener Autobahn,

Ansprechpartner: Verkehrsministerium (www.udhb.gov.tr), Daelim (www.daelim.com.kr), Limak (www.limak.com.tr), SK (www.skec.com), Yapi Merkezi (www.ym.com.tr)

 

Istanbul International Financial Center (IIFC), Istanbul/Atasehir

2,2

Laufende Infrastrukturarbeiten, Gebäudebau 2016 begonnen, Fertigstellung bis 2018

Errichtung des neuen internationalen Finanzzentrums im asiatischen Teil Istanbuls zur Ansiedlung wichtiger Finanzinstitute und der Zentralbank,4,2 Mio. qm für Büros, Wohnungen, Konferenzräume, Einkaufszentrum und Hotel, davon 1,0 Mio. qm Büroräume der Kategorie A, Ansprechpartner: IIFC (www.ifcturkey.com)

* Gerundete Schätzungen umgerechnet anhand des Wechselkurses 1 Euro = 1,10 US$

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

 

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter www.gtai.de/tuerkei, „Ausschreibungen“ und „Entwicklungsprojekte“.

Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Konsum: Privater Verbrauch als Hauptstütze des BIP-Wachstums

Der Verbrauch ist die wichtigste Grundlage für das Wirtschaftswachstum. Er soll nach Prognosen der Regierung 2017 real um 4,3% zulegen. Die Europäische Kommission sagt für 2017 eine reale Zunahme des privaten Konsums von 1,9% voraus. 2018 sollen es gar 3,0% werden. Vom realen BIP-Wachstum von 2,9% (2016) entfielen 2,4 Prozentpunkte auf den Konsum. Die Regierung setzt im Rahmen ihrer wachstumsorientierten und expansiven Finanzpolitik die steuerliche und kreditpolitische Förderung des Verbrauchs fort. Vor allem durch die Senkung der Mehrwert- und Sonderverbrauchsteuer für ausgewählte Branchen, wie Hausgeräte und Möbel, werden preisdämpfende Effekte ausgelöst und die Nachfrage stimuliert.

Staatliche Zinssubventionen, außerplanmäßige Rentenerhöhungen und erleichterte Zahlungskonditionen mit langgestreckten Ratenzahlungen stärken in Verbindung mit groß angelegten Verkaufsförderungskampagnen des Privatsektors den Konsum und beleben und die Wachstumskräfte. Die mittels diverser Subventionen belebte Nachfrage führt jedoch zu einem sichtbaren Anstieg der Verbraucherpreise, so dass inflationäre Gefahren zunehmen, was mittelfristig einen Rückschlag für die Konjunktur herbeiführen könnte. Eine wichtige Determinante der inländischen Kaufkraft und damit auch der Konsumnachfrage ist der Wechselkurs der türkischen Lira. Wegen des hohen Importanteils bewirkt die Abwertung der Landeswährung höhere Preise und dämpft die Nachfrage.

Außenhandel: Sinkende Anteile der EU und Deutschlands

Nach einer Schrumpfung der Importe um 4,2% und der Exporte um 0,9% im Jahr 2016 zeigt der türkische Außenhandel im Zuge der Konjunkturankurbelungsmaßnahmen der Regierung 2017 wieder eine Belebung. Laut offizieller türkischer Statistik legten die Importe im 1. Quartal 2017 gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres um 7,7% auf 50,4 Mrd. $ und die Exporte um 9,2% auf 37,9% zu. Das Handelsbilanzdefizit erhöhte sich um 3,3% auf 12,5 Mrd. $.

Auffällig sind die sinkenden Anteile der EU und Deutschlands am türkischen Außenhandel. Der EU-Anteil an den türkischen Importen ging im genannten Zeitvergleich von 38,7% auf 35,8%, der deutsche Anteil von 10,6% auf 8,7% zurück. Der EU-Anteil an den türkischen Importen ermäßigte sich von 48,2% auf 46,5%, der deutsche Anteil sank von 10,0% auf 9,4%. Mineralische Brennstoffe (Erdöl und Erdgas) stellen wegen der hohen Auslandsabhängigkeit der lokalen Industrie bei Energieträgern weiterhin den ersten Importposten dar und belasten trotz der zurzeit relativ niedrigen Erdölpreise die Handelsbilanz. Diese Einfuhren (HS-27) erhöhten sich im 1. Quartal 2017 um knapp 39% auf mehr als 9,0 Mrd. $. Auf der Exportseite führt die türkische Statistik Kraftfahrzeuge (HS-87) an erster Stelle an. Diese Ausfuhren stiegen im 1. Quartal 2017 um 28% auf knapp 5,9 Mrd. $. Die Türkei stand 2016 mit Einfuhren im Wert von knapp 22 Mrd. Euro auf Platz 15 der Abnehmerländer deutscher Exporte.

Außenhandel der Türkei (in Mio. US$; Veränderung in %)

 

2015

2016

Veränderung 2016/2015

Importe

207.234,4

198.617,4

-4,2

Exporte

143.838,9

142.544,5

-0,9

Handelsbilanzsaldo

63.395,5

56.072,9

-11,6

Quelle: Türkisches Statistikamt TÜIK

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter www.gtai.de/Tuerkei