Wirtschaftsbericht Türkei 2010

Die Türkei hat mit einem kräftigen Wirtschaftswachstum im ersten Quartal des Jahres 2010 eines der besten Ergebnisse weltweit vorgelegt, wies somit ein überdurchschnittlich starkes Wachstum vor und zeigte sich also mehr als stabil. Als 2009 das türkische Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Folge der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise um 4,7% schrumpfte, zeichnete sich im letzten Quartal 2009 eine konjunkturelle Belebung ab, die dann 2010 verstärkt fortgesetzt wurde. Allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2010 stieg das BIP im Vergleich zum Vorjahr um 11,8%. Unter den G20-Ländern ist es nur China gelungen, mit 11,9% ein stärkeres Wachstum vorzuweisen. Während das BIP Wachstum im zweiten Quartal 10,2% betrug, konnte man im dritten Quartal einen Rückgang auf 5,5% verzeichnen. Folglich belief sich das BIP im Schnitt der ersten neun Monate auf 9,2%.
So ist es, dass sich die Türkei inzwischen auf Platz 17 in der Rangfolge der größten Volkswirtschaften der Welt etabliert hat. Dies wäre ein beachtlicher Platz 7, hinter Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Schweden, Italien und Spanien, wäre sie in der Europäischen Union (EU). Die Türkei trumpfte somit auch vor den Europäern auf. Großen Einfluss auf die zügige Erholung von der Wirtschaftskrise hatte der, ab 2001 gründlich sanierte und relativ stabile, türkische Bankensektor. Motor für den türkischen Aufschwung war das Wachstum von mehr als 20% im Großhandel und in der produzierenden Industrie.
Insbesondere in der ersten Jahreshälfte 2010 haben sich das produzierende Gewerbe, der Handel und die Bauwirtschaft sehr positiv entwickelt. In diesen Bereichen lagen die realen Zuwachsraten mit 18%, 17% und 15,1% deutlich über dem Gesamtwachstum. Der Dienstleistungsbereich wies im Vergleich zum Vorjahr nur geringe Veränderungen auf. Die größten Steigerungen wurden im Bereich Transport und Kommunikation mit 10,8%, im Finanzsektor mit 6,8% und in der Immobilienbranche mit 9% festgestellt. Die Investitionen der Privatwirtschaft stiegen um 22% und der Privatverbrauch erhöhte sich um 10%. Weitere Wachstumsantreiber waren zudem die Nachfrage nach Autos und Konsumgütern.1) Doch wird an diesen positiven Werten insgesamt auch Kritik geübt. Es wird argumentiert, dass die BIP Werte nur deshalb so hoch waren, weil diese im Jahre 2009 stark abstürzten. Somit seien die neuen Werte nur irreführend. Darüber hinaus wurde in der zweiten Jahreshälfte 2010 der türkische Mindestlohn auf 599,12 TL netto festgesetzt. Der überwiegende Teil der in Industrie, Handwerk und Landwirtschaft Erwerbstätigen bezieht weiterhin diesen offiziellen Mindestlohn. Folglich konnte die Entwicklung der Realeinkommen mit der Wirtschaftsentwicklung nicht Schritt halten, so dass insbesondere die unteren Bevölkerungsschichten teilweise am Rande des Existenzminimums leben. Für die erste Jahreshälfte 2011 wurde dann der Mindestlohn auf 629,95 TL festgesetzt. 2)
Der Kurs der Türkischen Lira (TL) stieg am 12. September 2010 um 1,1% gegenüber dem Dollar auf einen Stand von 1,49 TL. Im Mai 2010 erreichte der TL-Kurs ein Tief von 1,89 TL/Euro, bis Ende des Jahres stieg dieser auf 2,01 TL/Euro. Der Index der Kapazitätsauslastung der Industrie ist im Dezember 2010 auf 75,6 Punkte (Dezember 2009: 67,7 Punkte) gestiegen. Im November hatte der Index einen Höchststand von 75,9 Punkten.3)
Inflation
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Im Februar 2010 stieg die Inflation erstmals seit Dezember 2008 wieder auf einen zweistelligen Wert. Grund waren die starke Anhebung der Sonderverbrauchssteuern auf Tabak-, Alkohol und Treibstoffe. Im weiteren Verlauf des Jahres 2010 konnte die Inflation auf ein Niveau von 7,9% zur Jahresmitte und 6,4% zum Jahresende gesenkt werden.4) Angestrebt waren 6,5%. Mittelfristig sollten die Inflationswerte auf unter 5% gesenkt werden.

Investitionen
Die Türkei hat sich im letzten Jahrzehnt zum echten “Hot-Spot” für ausländische Direktinvestitionen entwickelt. Für den Zeitraum 2008 bis 2010 bescheinigen die Vereinten Nationen der Türkei das 15.-beste Investitionsklima weltweit (World Investment Prospect Survey 2008/2010). 2010 flossen insgesamt 8,9 Milliarden $ an Investitionen in die Türkei.
Aussenhandel
Es ist für Unternehmen aus Zentraleuropa nicht mehr ausreichend, nur heimische Märkte zu beliefern. Die Türkei bildet durch ihre geographische Lage zwischen Ost und West eine ideale Exportbasis. Nach wie vor ist es die EU, die mit großem Abstand der wichtigste Handelspartner der Türkei ist. Man kann sagen, dass nach dem starken Rückgang des Außenhandels im Jahr 2009, in dem die EU als Abnehmer nur noch einen Anteil von 46% hatte, in den ersten Monaten des Jahres 2010 wieder ein leichter Anstieg auf rund 48% verzeichnet werden konnte.
Des Weiteren gab es 2010 überdurchschnittliche Zuwächse beim Import von Rohstoffen, Metallen, chemischen Grundstoffen, Kunstfasern und Gummi, sowie Kfz. Auch beim Export lagen Kfz, Kfz-Teile, Maschinen, Elektrogeräte, Waren aus Aluminium, Kunststoff- und Gummiartikel sowie Nüsse und Früchte über dem Durchschnitt. 5)
Deutschland war im Jahre 2010 weiterhin der wichtigste Handelspartner der Türkei noch vor Russland, China, Italien und den USA. China nimmt hinter Russland den zweiten Platz als größten Lieferanten ein und schiebt Deutschland somit auf Platz drei. Für türkische Exporte bleibt Deutschland vor Großbritannien, Italien, Frankreich und dem Irak mit Abstand das bedeutendste Zielland. 6) Insgesamt sehen die Export- und Importzahlen der Türkei für die Jahre 2008-2010 wie folgt aus:
Ausblick
Die Regierung hat ebenfalls gute Arbeit geleistet. Die Staatsschulden gingen in den letzten Jahren von knapp 80% zurück auf aktuell 42% der Wirtschaftsleistung. Somit ist für 2011 ein Haushaltsdefizit von nur 2,8% vorgesehen. Auf der anderen Seite jedoch, muss die Türkei 2011 mit einer zunehmenden Inflation rechnen. Diese Prognose wird verstärkt von steigenden Rohstoffpreisen und dem anziehenden Konsum. Ferner ist es die Notenbank, die bereits versucht, die Kreditvergabe zu begrenzen, um damit einer Überhitzung der Wirtschaft vorzubeugen und dem schnellen Wachstum Einhalt zu gebieten.
Die Türkei weist eine moderate Auslandsverschuldung vor. 2009 lag diese bei 43,6% des BIP. Der Internationale Währungsfonds schätzt diesen Wert für 2010 auf 41,3% und geht für 2011 von einer leichten Zunahme auf bis zu 43,4% aus. Die Prognosen für 2012 sehen 45,5% und für 2013 47,9% vor.9 Den Zahlen von Januar 2011 zufolge, produzierte die Türkei im Vergleich zum Vorjahr 18,9% mehr Industriegüter. Dieses Wachstum war höher, als die Markterwartungen von 14,8%. Dank der robusten Binnennachfrage und der Börsenanlagen, scheint das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2011 recht stark zu sein. Die höchste Produktionssteigerung im Januar galt mit 34,9% den Investitionsgütern, gefolgt von einer 22,2%igen Produktionssteigerung von Halbfabrikaten, 15,3% von langlebigen Verbrauchsgütern und 13% für die Energieerzeugung. 10)
Für das Jahr 2011 wird ein BIP-Wachstum von 4,5% prognostiziert, mit einem Pro-Kopf-Einkommen von über 10.000 $. Die Prognosen für 2011 bis 2013 weisen auf eine Beschleunigung des BIP-Wachstums hin. Das Wachstum wird hauptsächlich von zunehmenden Investitionen, aber auch von steigenden Konsumausgaben getragen. Trotz steigender Wachstumsraten wird die Arbeitslosenquote jedoch nur langsam sinken. Ein Grund hierfür ist das geringe Durchschnittsalter, der jährlich um etwa 1,1% zunehmenden Bevölkerung. So kommen jedes Jahr rund 600.000 bis 700.000 junge Arbeitssuchende hinzu. 12)
Auffällig ist außerdem, dass die türkische Regierung in ihrer mittelfristigen Planung zur wirtschaftlichen Entwicklung bis 2013 den Investitionen eine zentrale Rolle zuweist. Für 2011 sind Zuwächse von 5,5%, für 2012 8,7% und für 2013 9,6% vorgesehen. Der größte Anteil soll dabei auf den Privatsektor entfallen. Nach Planung sollen die privaten Investitionen 2011 um 10%, 2012 um 10,8% und 2013 um 11,6% zulegen. Das Bestreben nach Privatisierung von Staatsbetrieben und der Rückgriff auf Betreibermodelle (BOT-Modelle) bei der Umsetzung großer Infrastrukturvorhaben ist ebenfalls wichtiger Bestandteil der Perspektive. So ist es, dass der Ausbau von Autobahnen und Schienennetzen, sowie die Privatisierung des Energiesektors gute Geschäfte für die Zukunft versprechen.
Es wird prognostiziert, dass die türkische Wirtschaft ab 2011 durchschnittlich um bis zu sieben Prozent pro Jahr wachsen wird. Die Türkei ist die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft in Europa. Einer Studie der Investment-Bank Goldman Sachs zufolge, soll die Türkei bis zum Jahr 2050, zur neuntgrößten Wirtschaft der Welt werden, sowie zur drittgrößten in Europa.
1) Vgl. www.tuik.gov.tr
2) Vgl. www.turkis.org.tr.
3) Vgl. www.tcmb.gov.tr.
4) Vgl. www.tuik.gov.tr., www.dpt.gov.tr
5) Vgl. www.dpt.gov.tr.
6) Vgl. www.dpt.gov.tr.
7) Vgl. www.tuik.gov.tr.
8) Vgl. www.tuik.gov.tr.
9) Vgl. www.invest.gov.tr.
10) Vgl. www.dpt.gov.tr, Mittelfristiges Programm der Türkischen Regierung 2011-2013.
11) Vgl. www.dpt.gov.tr, Mittelfristiges Programm der Türkischen Regierung 2011-2013
12) Vgl. www.gtai.de









