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Wirtschaftsbericht Türkei 2008


 

Allgemein

Die Türkei hat ein sehr turbulentes Jahr 2008 hinter sich. Bis Mitte des Jahres drohte ein Verbotsverfahren gegen die regierende Partei AKP die gesamte Republik zu lahmen. Der Binnenkonsum

lies stark nach. Erst im Hochsommer entschied das Verfassungsgericht, die AKP nicht zu verbieten. Diese Befreiung von innenpolitischen Problemfeldern konnte sich aber nicht entfalten, da ab August die internationale Wirtschaftskrise auch in der Türkei ihre Auswirkungen zeigte.

Die Kapazitätsauslastungen der türkischen Industrie gingen ab August massiv zurück. Viele  Automobilhersteller und –zulieferer mussten ihre Produktion einstellen, zumindest aber drosseln und viele tausend Mitarbeiter entlassen.

Die Exporte haben ab Oktober stark nachgelassen. Der Aktienkursindex der Istanbuler Börse TSE-100 erreichte Tiefstande. Viele internationale Investoren zogen kurzfristig in der türkischen Finanzindustrie

geparkte Gelder ab. Der Kurs der Türkischen Lira8 sank am 31.12.2008 auf 2,13YTL/Euro.

Der Index der Kapazitätsauslastung der Industrie ist im Dezember 2008 auf 64,7 Punkte (81,1 Punkte im Dezember 2007) gesunken. Dieser Trend hatte im August bei 76,2 Punkten eingesetzt. Hauptgrund ist die fehlende Inlandsnachfrage und die stark zurückgegangene Nachfrage aus dem Ausland.

Die Produktion hat damit im Dezember 2008 um -12,2% im Vergleich zu November 2008 nachgelassen. Die Erwartungen für Januar 2009 lassen auf ein Ansteigen der Produktionsmengen um 1,7% hoffen und mit -2,8% ein weniger starken Rückgang der Inlandsnachfrage als im Dezember, als der Rückgang

noch -5% betrug.

Der Verbrauchervertrauensindex hat im Dezember um 1,48 Punkte auf 69,9 Punkte leicht zugelegt, nachdem er von 80,72 Punkten im September auf 68,8 Punkte im November gefallen war. Der Rückgang des Verbrauchervertrauens hatte bereits 2007 eingesetzt, sich aber im Sommer 2008 wieder leicht erholt. Im Dezember 2007 betrug der Wert noch 93,89 Punkte. Besonders wenig Verbraucher geben an, in der nächsten Zeit ein Auto oder eine Immobilie erwerben zu wollen. Dennoch übertreffen die Exporte betrachtet für das gesamte Jahr 2008 die des Rekordjahres 2007 erneut.

Im Zuge des nachlassenden Inlandskonsums sind auch die Importe stark zurückgegangen. Damit wuchs das Außenhandelsdefizit nicht mehr ganz so schnell.


Wirtschaftswachstum10

Das Wachstum des BIP der Türkei hat sich im dritten Quartal 2008 auf 0,5% verlangsamt. Im Schnitt der ersten drei Quartale 2008 wuchs das BIP um 3%.




Inflation

Die Inflation stieg 2008 auf 10,06% (2007 8,4%). Angestrebt waren 4%. Zielwerte für 2009 7,5%; 2010 6,5%; 2011 5,5%11.



 


Außenhandel

Die Werte des Außenhandels 2008 zeigen erneut einen großen Zuwachs auf. Der Import nahm von 170 Mrd. USD im Vorjahr um 18,7% auf 202 Mrd. USD in 2008 zu. Der Export stieg von 107 Mrd. USD im Vorjahr um 23,1% auf 132 Mrd. USD in 2008. Das Außenhandelsbilanzdefizit ist 2008 auf knapp 70 Mrd. USD (Vorjahr 63 Mrd. USD) gewachsen und betragt damit 21% (Vorjahr 22,7%) des gesamten Außenhandels von 334 Mrd. USD (Vorjahr 227 Mrd. USD).

Die Statistik wird hier allerdings maßgeblich durch das erste Halbjahr 2008 geprägt. Bis September nehmen die Exportwerte kontinuierlich auf zuletzt 12,8 Mrd. USD/Monat zu. Der Zuwachs verliert bereits im Juni und dann nochmal im August an Fahrt. Beide Exportwerte liegen niedriger als die der jeweiligen Vormonate.

Im Vergleich zum Vorjahr setzt der Rückgang der Exporte im Oktober mit -2% und dann massiv im November und Dezember mit -17% und -21% ein. Beim Export nach Ländern liegt erneut die Bundesrepublik Deutschland mit 13 Mrd. USD (12 Mrd. USD in 2007) an der Spitze. Gefolgt von Großbritannien mit 8,1 Mrd.USD (8,6 Mrd. USD in 2007), Italien mit 7,8 Mrd. USD (7,5 Mrd. USD in 2007), Frankreich mit 6,6 Mrd. USD (5,9 Mrd. USD in 2007) und Russland mit 6,5 Mrd. USD (4,7 Mrd. USD in 2007).

Die wichtigsten Herkunftsländer für Importe waren mit 31,3 Mrd. USD Russland (23,5 Mrd. USD in 2007, Zuwachs von +33%), Deutschland mit 18,7 Mrd. USD (17,5 Mrd. USD in 2007, +6,5%) und China mit 15,6 Mrd. USD (13,2 Mrd. USD in 2007, +18,2%) gefolgt von den USA mit 12 Mrd. USD (8,1 Mrd. USD in 2007, +47%), Italien mit 11Mrd. USD (10 Mrd. USD in 2007, +10%), Frankreich mit 9 Mrd. USD (7,8 Mrd. USD in 2007, +15%), dem Iran mit 8,2 Mrd. USD (6,6 Mrd. USD in 2007, +24%), der Ukraine mit 6,1 Mrd. USD (4,5 Mrd. USD in 2007, +35%), der Schweiz mit 5,6 Mrd. USD (5,3 Mrd. USD in 2007, +6%) und Großbritannien mit 5,3 Mrd. USD (5,5 Mrd. USD in 2007, -2,8%).

 

Import nach Warengruppen

Die bedeutendsten Importwarengruppen in 2008 bilden Rohstoffe und Halbwaren mit 152 Mrd. USD (123,6 Mrd. in 2007, Zuwachs von 22,7%) gefolgt von Investitionsgütern mit 28 Mrd. USD (27 Mrd. in 2007, Zuwachs von 3,4%) und Verbrauchsgütern mit 21,4 Mrd. USD (18,7 Mrd. in 2007, Zuwachs von 15%).

Im vierten Quartal verzeichnen die Importe von Investitionsgütern Rückgänge von bis zu -32% pro Monat im Vergleich zum Vorjahr, die Importe von Verbrauchsgütern -27% und die von Rohstoffen und Halbwaren -30%.

Bis 57% geht der Import von Kraftfahrzeugen zurück und bis zu 44% der von Kraftfahrzeugteilen im letzten Quartal 2008. Einzig Grundnahrungsmittel (verzehrfertige und solche zur Weiterverarbeitung) können auch im letzten Quartal noch zulegen.

Ausenhandel mit Deutschland

Aus Deutschland wurden in 2008 Waren im Wert von 18,682 Mrd. USD (2007: 17,539 Mrd. USD) importiert. Nach Deutschland wurden Waren im Wert von 12,958 Mrd. USD (2007: 11,993 Mrd. USD) exportiert. Die bilaterale Handelsbilanz liegt bei 5,723 Mrd. USD (im Vorjahr: 5,546 Mrd. USD) zugunsten der Bundesrepublik.

Der Import aus Deutschland entwickelt sich auf Monatsbasis bis Juli im Vergleich zum Vorjahr sehr gut. Im Januar und Februar werden sogar noch Zuwachswerte um 45% erreicht. Im Mai wächst der Import aus Deutschland dann bereits nur noch um 11,75% und im August ist der Zuwachs auf nur noch 3% zurückgegangen. Im September steigt der Wert nochmal ganz leicht auf 4,6%. Die Oktoberimporte liegen dann bereits -16,95% unter denen von Oktober 2007, im November wird mit -33,4% der stärkste Rückgang und im Dezember eine negative Entwicklung von -24,7% im Vergleich zu den Vorjahreswerten verzeichnet.

 

Ausblick

Die Türkei steht innenpolitisch vor im März 2009 stattfindenden Kommunalwahlen. Für das 1.Quartal 2009 wird der Abschluss eines neuen Beistandsabkommens mit dem Internationalen Währungsfonds

(IWF) erwartet.

Reformen, die im Zuge der letzten Finanz- und Wirtschaftskrise von 2001/2002 als Bedingung für ein Beistandsabkommen des IWFs eingeleitet wurden, gaben viele Impulse für den wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Jahre, zwangen die türkische Regierung aber auch zu unpopulären Maßnahmen.

Risiken für die Entwicklung der Volkswirtschaft liegen in der Inflation, dem hohen Außenhandelsbilanzdefizit und der Abhängigkeit von kurzfristigen internationalen Geldern. Negative Impulse für den Beitrittsprozess der Türkei zur EU werden in 2009 mit der Wahl zum EU‑Parlament im Juni erwartet. Die Frage des Türkei-Beitritts kann im Wahlkampf kritisch thematisiert werden und in der Türkei zu einer Abkehr von der EU führen.

Ein weiterer wichtiger Punkt wird die Lösung der Zypernfrage sein. Die Türkei verweigert zypriotischen Schiffen und Flugzeugen das Anfahren bzw. Anfliegen türkischer See- bzw. Lufthäfen. Nach Ansicht der EU verstoßt sie damit gegen die Zollunion. Die verweigerte Anerkennung eines Mitgliedsstaates könne darüber hinaus die Beitrittsverhandlungen im Ganzen in Frage stellen. Die Türkei beruft sich wiederum auf die Nichtanerkennung der Republik Nordzypern, welche international isoliert ist und nur von der Türkei anerkannt ist. Nordzypern habe man im Zuge der positiven Unterstützung des Wiedervereinigungsprozesses unter dem Annan-Plan Gelder und eine Lockerung der Isolierung versprochen. Einige Beobachter gehen davon aus, dass der Beitrittsprozess gänzlich stocken konnte, sollte man nicht in den nächsten Monaten eine internationale Lösung für Nordzypern finden können.

Die Türkei wird ihre geographische Lage in 2009 weiter dazu nutzen, den Energiekorridor zwischen Europa und den Staaten im Nahen und Mittleren Osten auszubauen. Die Erdgaspipeline mit dem Projektnamen „Nabucco“, welche Erdgas aus der Region des Kaspischen Meeres unter Umgehung Russlands nach Europa transportieren wird, findet immer mehr Investoren und Unterstützung aus der Politik.

Das Außenhandelsbilanzdefizit ist mit knapp 70 Mrd. USD nach wie vor sehr hoch. Hohe Kapitalzuflüsse aus dem Ausland werden in der nächsten Zeit nicht zu erwarten sein. Die türkische Wirtschaftspolitik wird daher verstärkt dieses Außenhandelsdefizit abbauen müssen. Neben der Möglichkeit protektionistischer Maßnahmen, die den Import schlicht erschweren und damit verteuern, bieten sich Maßnahmen zum Abbau der hohen Abhängigkeit von Primarenergieträgern wie Erdgas, Erdöl und Kohle, etwa durch den verstärkten Einsatz von Erneuerbaren Energien und energieeffizienteren Anwendungen an.

Weiterhin wird es wichtig sein, mehr Wertschöpfung im Land vorzunehmen und damit mehr Produktion in das Land zu holen. Hierzu wird die Türkei weiter an der internationalen Wettbewerbsfähigkeit insbesondere durch den Ausbau der Infrastruktur und Investitionen in Bildung arbeiten. Protektionistische Maßnahmen, zu denen auch Importsubstitution zu zahlen wären, werden es allerdings erschweren, Produktion in die Türkei zu verlagern. Insgesamt wird die exportorientierte Wirtschaft von starken Abwertungen der Lira gegenüber dem Euro und dem Dollarkurs profitieren.
 

Der Tourismus, welcher in den letzten Jahren ein wichtiger Devisenbringer der Türkei gewesen ist, wird hiervon ebenso profitieren. Experten gehen davon aus, dass die in der Türkei üblichen All-inklusive-Angebote gerade in Krisenzeiten stärker nachgefragt werden, da hier die Gesamtkosten bereits von Anfang an feststehen.

Die wirtschaftliche Struktur der Türkei mit sehr vielen kleinen und Kleinstbetrieben wird ferner besser mit Rezessionen zu Recht kommen, als Volkswirtschaften mit vielen Großbetrieben. Daneben ist das Bankenwesen in der Türkei kaum in die US-amerikanische Immobilienkreditwirtschaft verwickelt und seit der letzten Krise auch gut aufgestellt. Nicht zuletzt hat die türkische Volkswirtschaft bereits mit schweren Krisen Erfahrungen gemacht.

Die Türkei wird aber auch überproportional von neuen Aufträgen aus der Automobil, der Textil- und Bekleidungsindustrie profitieren können und Chancen haben, an Fernost verlorene Marktanteile wettzumachen. Zum einen sinken neben den Auftragszahlen auch die Auftragsmengen und zum anderen werden in unsicheren Zeiten eher viele aber dafür kleinere Aufträge erteilt. Die türkische Wirtschaft ist hierzu flexibler und bereits jetzt auf kleinere Lose ausgerichtet. Durch die Nähe zur EU hat sie dann weitere Vorteile gegenüber den Volkswirtschaften in Fernost.

 

 

8) Seit 1.1.2009 neue Währungsbezeichnung statt Neue Türkische Lira (YTL= Yeni Türk Lirası, nun wieder Türkische Lira (TL), ohne Wertänderung)

9) Quelle: www.gtai.de; www.tcmb.gov.tr; www.tuik.gov.tr

10) Weitere Konjunkturindikatoren siehe www.dpt.gov.tr

11) Quelle: Zentralbank www.tcmb.gov.tr

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